Gedanken zur Zukunft des Schweizer Milchmarktes
1. Management Summary
Die Schweiz steht vor der Herausforderung, ihre traditionelle Position als Käseland neu zu definieren. Die Förderung der Milchpulverproduktion hat nicht den gewünschten Erfolg gebracht und die größten Produzenten sind finanziell angeschlagen. Um die Käseproduktion zu stärken und die Wertschöpfung zu erhöhen, müssen die bestehenden Stärken wie das positive Image und das umfangreiche Know-how in der Käseherstellung gezielt genutzt werden. Im Rahmen dieser Neuausrichtung ist es entscheidend, die Marktstrukturen, insbesondere die Rolle der AOP-Sortenorganisationen, zu reformieren und innovative Produkte zu fördern, während gleichzeitig die Exportmöglichkeiten von Frischprodukten durch sektorielle Öffnungen verbessert werden sollten.
- Ausgangslage
Ein großer Teil der landwirtschaftlichen Fläche der Schweiz ist besonders gut für die milchbasierte Graswirtschaft geeignet. Die Milchproduktion ist daher eine Einkommensquelle für die Schweizer Bauern. Ein erheblicher Anteil der Milch muss exportiert werden, da die Produktion in der Schweiz den eigenen Konsum übersteigt. Der größte Exportartikel ist Käse, gefolgt von Milchpulver.
Traditionell ist die Schweiz ein Käseexportland und kein Milchpulverland. Aufgrund des Scheiterns der Schweizerischen Käseunion wurde in den letzten 25 Jahren die Herstellung von Milchpulver stark gefördert. Leider war diese Strategie nicht erfolgreich, und die beiden größten Milchpulverproduzenten stehen finanziell am Ende. Im Gegensatz dazu haben sich die Käsereien trotz offener Grenzen und begrenzter politischer Unterstützung gut entwickelt. Es ist an der Zeit, dass sich die Schweiz neu ausrichtet und die brachliegende Wertschöpfung konsequent im Käsemarkt realisiert.
Ein kurzer Rückblick zeigt, dass bis 1999 die Schweizerische Käseunion die Vermarktung der Milch kontrollierte und die Schweiz als das Land mit dem besten Rohmilchkäse positionierte. Die Organisation machte viele Fehler; insbesondere verhinderte ein starkes halbstaatliches Kartell Innovationen. Die Verluste der Käseunion waren so erheblich, dass sie bei einem Umsatz von etwa 600 Mio. Fr. nahezu denselben Betrag als Verlust verzeichnete. Es kam zur Auflösung am Ende des letzten Jahrhunderts. Damit wuchs der politische Einfluss der Industrie. Es entstand eine neue Strategie, deren zentrales Element die Herstellung von Milchpulver war, in die seitdem massiv investiert wurde.
Eine solche Strategie kann jedoch nicht erfolgreich sein. Im Gegensatz zum Käse hat die Schweiz bei der Herstellung von Milchpulver weder eine Tradition noch ein positives oder negatives Image, was bedeutet, dass Milchpulver zum Weltmarktpreis verkauft werden muss. Eine Strategie kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Schweiz über klare strategische Vorteile in diesem Bereich verfügt. Da jedoch weder technische, qualitative noch kostentechnische Vorteile bestehen, war ein Scheitern vorherzusehen.
- Heutige Lage
Wie erwartet sind die großen Milchpulverproduzenten, die nach der Käseunion entstanden sind (Hochdorf und Cremo), finanziell angeschlagen. Dies bietet die Gelegenheit, eine neue Marktordnung zu schaffen und die Schweiz wieder als Käseland zu positionieren. Im Gegensatz zur Milchpulverproduktion hat die Käseproduktion gegenüber anderen Käseproduzenten erhebliche Vorteile:
- Ein sehr gutes Image als Käsehersteller
- Einen hohen Anteil an silofreier Milch
- Ein ausgeprägtes Know-how in der Herstellung von Qualitätskäse
- Dank niedriger Zinsen einen Kostenvorteil beim Reifen von Käse.
Aufgrund dieser Vorteile ist es offensichtlich, dass eine Käsestrategie einfacher erfolgreich umzusetzen ist, was die positive Entwicklung vieler Käsereien in den letzten Jahren bestätigt.
- Die Zukunft
Angesichts der vorhergehenden Überlegungen sollte der Käse wieder die Hauptrolle übernehmen, wobei drei Segmente zu unterscheiden sind:
- Rohmilchkäse: das traditionelle Premiumprodukt und Imageträger.
- Käse aus Silomilch: das qualitative „Massenprodukt“.
- Käse als Regulierungsprodukt für die verarbeitende Industrie.
Welche Käse entwickelt werden und in welche Technologien investiert wird, haben die Marktteilnehmer in der Vergangenheit erfolgreich selbst entschieden. Dies sollte auch in der Zukunft so bleiben. Die positiven Entwicklungen verschiedener Käsereien zeigt, dass bei konsequenter strategischer Umsetzung in allen drei Segmenten erfolgreiche Ergebnisse erzielt, werden können.
Zudem wurden in den letzten Jahren viele innovative Milchfrischprodukte entwickelt, die keinesfalls vernachlässigt werden sollten. Leider ist der Export dieser Produkte aufgrund geschlossener Grenzen erschwert. Um dies zu ändern, müsste die Schweiz ihre Grenzen für Milchprodukte generell öffnen, was jedoch politisch schwer umsetzbar ist, da der Preisdruck zu stark wäre. Eventuell könnten sektorielle Öffnungen, beispielsweise für Desserts, in Betracht gezogen werden.
Pulvertürme werden auch in Zukunft benötigt, um Produktionsspitzen abzudecken; solange sie jedoch subventioniert werden, sollten sie nicht als eigenständiges Geschäftsmodell betrachtet werden. Es wäre sinnvoll zu prüfen, ob die Branche gemeinsam ein solches Unternehmen so führen kann, so dass der Markt nicht verzerrt wird.
Darüber hinaus gibt es in der Schweiz einen Markt für Milchpulver, den man bedienen sollte, sofern die Abnehmer bereit sind, einen Aufpreis für Schweizer Milch zu zahlen. Das Käse-Koppelprodukt Molkenproteinkonzentrat ist international sehr gefragt, jedoch stellt die Herkunft Schweiz ein Problem dar, da dies separat auf den Produkten deklariert werden muss, während die meisten Verwender lediglich EU-Milch deklarieren. Die derzeitige Produktion an Schweizer Molkenproteinen ist zu gering, um eine Änderung in der Deklaration der Verpackungen zu bewirken. Hier könnte der Schweizer Detailhandel Druck aufbauen, indem er darauf besteht, dass auf importierten Produkten die Herkunft Schweiz deklariert wird.
- Rahmenbedingungen
Damit die Neuausrichtung des Milchmarktes gelingt, müssen auch die Rahmenbedingungen angepasst werden. Ein wichtiger Punkt betrifft das Kartellrecht, das derzeit für die Landwirtschaft nicht gilt. Hier wäre ein Umdenken erforderlich.
Hierzu ein Gedankengang von Beat Kappeler, Publizist und ehemaliger Gewerkschaftssekretär: „Man merkte, dass die Kartelle nicht nur für die Konsumenten schädlich sind, sondern auch für die Branchen selbst. Das Bierkartell war derart strikt, dass die Brauereien einschliefen und ihre Gewinne vollständig in Immobilien investierten. Sie hatten es nicht nötig, neue Märkte zu erschließen. Bis heute ist die Bierindustrie fast die einzige Schweizer Branche, die nicht exportiert. Als das Kartell schließlich abgeschafft wurde, wurden die Brauereien von ausländischen Konzernen übernommen.“
Lassen wir nicht zu, dass der Milchmarkt einschläft!
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- Marktbearbeitung und Sortenorganisationen
Ein wichtiger Bereich der Marktordnung ist die Marktbearbeitung und die Sortenorganisationen. Der Rohmilchkäse wird von den Sortenorganisationen dominiert, die auf der Grundlage der Kartelle der Käseunion entstanden sind und Innovationen hemmen. Ein aktuelles Beispiel zeigt sich beim Emmentaler AOP: Die Käsereien und Bauern verließen sich vollständig auf die entsprechende Sortenorganisation. Als der Absatz kontinuierlich sank, beschloss ein Marktteilnehmer, diesen Käse nicht mehr zu vermarkten, und erneuerte die Abnahmeverträge mit den Käsereien nicht. Obwohl diese Situation absehbar war, hatten die Käsereien kein zweites Standbein aufgebaut und sind nun gezwungen, die Produktion ganz einzustellen.
Für eine effiziente und nachhaltige Entwicklung des Marktes wäre es wünschenswert, wenn die Sortenorganisationen reformiert werden und flexibler werden und sich stärker nach den Marktbedürfnissen ausrichten müssen. Ein Grund für ihr Quasi Monopol ist die vom Staat subventionierte gemeinsame Marktbearbeitung über die „Switzerland Cheese Marketing“ erfolgt. Hier kann die Politik konkret anzusetzen. Die Werbung und Unterstützung sollte allen Marktteilnehmern zukommen, nicht nur subsidiär, wie es derzeit der Fall ist. Heute schließt die Switzerland Cheese Marketing Organisationen willkürlich aus, zum Beispiel wegen Rechtsstreitigkeiten oder weil ihre Vermarktungsstrategien nicht ins Schema passen. Wünschenswert wäre eine offene Organisation, die nicht von den Sortenorganisationen beherrscht wird und die auch einen echten Mehrwert bietet, der über das Abholen von Subventionen hinausgeht.
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- Verkäsungszulage
Die Verkäsungszulage bestimmt die Höhe des Milchpreises in Relation zum internationalen Milchpreis. Diese Maßnahme stützt alle Käseproduzenten und ist marktneutral. Es obliegt der Politik zu entscheiden, wie stark der Milchpreis subventioniert werden soll. Dabei ist zu beachten, dass die Höhe der Verkäsungszulage auch den Preis der Frischprodukte beeinflusst, da die für diese Produkte eingesetzte Milch ebenfalls teurer wird. Da die Frischprodukte aufgrund der Zollschranken nicht exportiert werden können, hat dies nur einen geringen Einfluss auf den direkten Export, fördert jedoch den Einkaufstourismus ins nahe Ausland. Eine zu hohe Verkäsungszulage würde den Käse im Vergleich zu den Frischprodukten überproportional bevorzugen, weshalb ein vernünftiges Gleichgewicht gefunden werden muss.
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- Verkehrsmilchzulage
Die Verkehrsmilchzulage wird erhoben, um die Pulverproduktion zu stützen, wirkt sich jedoch negativ auf die Käsestrategie aus. Damit diese Maßnahme marktneutral ist, müssten die Mittel auch zur Unterstützung der „Regulierungs-Käse“ verwendet werden. Das Ziel ist es, diese Zuschüsse mittelfristig abzubauen.
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- Siloverbotszulage
Die Siloverbotszulage ist eine marktneutrale Maßnahme, die die Produktion von silofreier Milch fördert und sollte eines der Hauptinstrumente zur Umsetzung der „Käsestrategie“ sein.
- Fazit
Die Neuausrichtung des Schweizer Milchmarktes bietet eine vielversprechende Chance, die traditionelle Stärke der Schweiz als führendes Käseland wiederherzustellen. Durch die gezielte Nutzung bestehender Vorteile wie das positive Image, das umfangreiche Know-how und die hohe Qualität in der Käseproduktion können innovative Produkte gefördert und neue Märkte erschlossen werden. Mit der Reform der Marktstrukturen und einer starken Fokussierung auf die Bedürfnisse der Produzenten und Konsumenten ist es möglich, den Käse als zentrales Produkt erfolgreich zu positionieren und somit die Wertschöpfung zu steigern. Indem wir aus der Vergangenheit lernen und die richtigen Schritte in die Zukunft gehen, können wir sicherstellen, dass die Schweiz auch weiterhin als Vorreiter in der hochwertigen Milch- und Käseproduktion bekannt bleibt.
14-02-2025,Autor: Unbekannt